Danke für die Ehrlichkeit


Keine Woche vergeht ohne neue Meldungen, bei denen man sich regelmäßig fragt, wann der Urheber zwischen seinen ganzen BWL-Fortbildungen wohl das letzte Mal einfach nur in Ruhe ein Fußballspiel geschaut und mitgefiebert hat. Von Bundesligaspielen in China ist die Rede, Partnerschaften mit Gazprom oder Katar sind längst Normalität und in regelmäßigen Abständen wird über zu geringe Fernsehgelder gejammert. Sonst könne man nicht mit der Premier League mithalten. Also mit der Liga, wo „The Special One“ gerade mit dem teuersten Verein der Welt auf Platz 7 der Tabelle steht.

Immerhin hat die Plastisierung dieser Liga zur Folge, dass zwischen den ersten fünf Rängen lediglich ein Punkt Abstand liegt und all diese Teams es sich selbstverständlich auch als Ziel gesetzt haben, Meister zu werden. In Deutschland hingegen gibt es drei Tage lang eine Diskussion darüber, ob ein Selfiejubel nun überzogen ist oder nicht und jeder halbwegs erfolgreiche Verein übt sich darin, dass „wir denken nur von Spiel zu Spiel“ Mantra in den Interviews aufzusagen. Statt Kampfansagen im Ligaalltag, werden sich vor den Bayernspielen neuerdings gelbe Karten abgeholt, da man das Spiel eh schon vor Saisonbeginn gestrichen hat. Schuld daran ist natürlich der FC Bayern selbst. Die machen die Liga langweilig, weil sie so gut sind. Muss man sich mal überlegen. Da muss also wirklich erst eine Brausefabrik daher kommen und zeigen, was so geht, wenn man einfach mal hier und da was richtig macht und auf dem Platz etwas mehr aufdreht? Schade.

Umso erfrischender also, wenn es zwischen vorgetexteten Social-Media-Posts und Selfiejubeldiskussionen mal wieder etwas Ehrlichkeit gibt. St. Pauli Trainer Ewald Lienen ist derzeit als Tabellenletzter wahrlich in keiner guten Situation. Aber statt den gewohnten nichtssagenden Phrasen der Schadensbegrenzung wählte er während der letzten Pressekonferenz einen anderen Weg. Nach dieser vierminütigen Rede will man sofort raus auf einen verregneten Bolzplatz rennen und alles für Ewald Lienen geben:

Kurz darauf setzte auch Freiburgs Trainer Christian Streich zu einer emotionalen Brandrede an und fragt sich, was das eigentlich soll, dass Trainer zunehmend zu überwachten Hampelmännern werden.

Danke für das kleine Bisschen Ehrlichkeit, als zunehmend nötig werdender Gegenwind.

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